Jun 262018
 

Da das Wetter weiterhin nicht ganz unseren Vorstellungen entspricht, machen wir langsam. Lange Etappen bei Regen sind nichts für uns. Wir liegen zwar eine knappe Woche hinter unserem Zeitplan, aber was solls. Irgendwo holen wir das schon wieder rein. So landen wir also, natürlich eine Stunde später als gedacht, da wir schon wieder eine Zeitzone weiter sind, doch noch bei Igor. Diesen oft empfohlenen Zwischenstopp hatte ich bereits in Deutschland als Wegpunkt gesetzt, aber da sich die Etappen irgendwo verschoben haben, wäre Taischet als Ziel für heute eigentlich viel zu nah. Wir hatten ihm gestern eigentlich schon so halb abgesagt und so staunt er nicht schlecht, als wir doch noch bei ihm auftauchen. Aber andrerseits ist es ja auch mal schön, seine Facebookfreunde auch mal persönlich kennen zu lernen. Duschen können wir zwar erstmal nicht, da es gerade kein Wasser gibt, aber sein Wifi ist ganz passabel und so können wir mal wieder Fotos in der Cloud sichern In fast perfektem Deutsch erzählt er uns so lange einiges über das Leben in Sibirien und serviert uns am nächsten Morgen ein super Frühstück. Neben einem Tomatenomelette gibt es auch noch einen ganzen Stapel Blienies, den hiesigen hauchdünnen Pfannkuchen, die ich samt seiner  Himbeer- „Marmelade“, die eigentlich in den Tee gehört, verputze.

Für den kommenden Abend haben wir uns dann auf Google Maps einen kleinen Weiher auserkoren. Die Landschaft auf halber Strecke zu unserem nächsten Ziel lässt aufgrund von vielen Feldern nicht viel Auswahl erwarten und so kann man ja vor Abfahrt schon mal was vorbereiten. Ein paar Kilometer abseits der Magistrale hinter einem kleinen Ort gelegen, erwarten wir nur ein paar Angler als Zeltnachbarn. Beim Abbiegen noch schnell ein paar kalte Biere im Magazin eingekauft erreichen wir über eine  hoppelige Piste bereits am Nachmittag unser Tages-Ziel. Nach einer kleinen aber steilen Furt staunen wir nicht schlecht, als wir neben den obligatorischen  Anglern auch einige Badegäste und allerlei Partyvolk vorfinden. Wir gesellen uns einstweilen dazu, lassen die Füße ins Wasser baumeln, machen ein Bier auf und vertagen den Zeltaufbau und die Holzbeschaffung einfach auf später.

Irgendwann, so denken wir, werden sich die Badegäste schon verziehen. Eigentlich klar, dass wir falsch liegen. Zuerst hält ein Pärchen in ihrem Auto auf uns zu. Suse erklärt ihnen unsere Reise und sie sind begeistert. Der nächste Neugierige ist dann Iwan. Genauer gesagt Iiiiuuoan, wie er uns lallend erklärt. Iwan ist um die zwanzig und leider nicht mehr ganz nüchtern, dafür wird er immer aufdringlicher. Auch seine ebenfalls nicht mehr ganz nüchterne Begleitung kann ihn nicht davon abhalten, uns lautstark auf den Sack zu gehen. Suse versteht ihn aufgrund seiner etwas schweren Zunge nur schlecht und so wird er laut und unzufrieden. Als er dann auch noch irgendwann zu grabschen beginnt, ergreifen wir die Flucht und suchen uns hinter der übernächsten Biegung einen neuen Platz. Hier fehlt zwar der Seeblick, dafür haben wir Ruhe, Abendsonne, keinen Iwan und reichlich Feuerholz. Zum Abendessen gibt es heute Raclette – mit Käse überbackenes getoastetes Weißbrot. Campingküche muss ja nicht immer nur aus Spaghetti mit Tomatensoße bestehen.

Wenigstens passt jetzt unser nächstes Ziel auch wieder ans Ende der nächsten Etappe: Der Bike-Post in Usolje Sibirskoje.
Vor einigen Wochen hat uns ein halb erfrorener russischer Biker diesen wärmstens empfohlen und diese sibirische Version von Jorges Motor-Post in Azul dürfen wir uns natürlich nicht entgehen lassen. Hier bietet der örtliche Bikerklub durchreisenden Motorradfahrern in seinem Clubhaus eine gratis Übernachtungsmöglichkeit samt warmer Dusche, Waschmaschine und sicherem Parkplatz  für Motorräder an. Nur vorher anmelden sollte man sich, damit auch jemand da ist.  Als wir nach unserer Ankunft fragen, ob wir vielleicht auch zwei Nächte bleiben können, um einen kleinen Kundendienst an unseren Moppeds zu machen, bekommen wir zur Antwort: „Ihr könnt bleiben so lang eure Visa gelten“. Wir nutzen also die Infrastruktur, machen bereits nach 9000 km einen ersten Ölwechsel, waschen unsere Klamotten und fühlen uns fast wie daheim in der Traube. Das Haus hat den Charme eines etwas heruntergekommen Jugendhauses und alles ist etwas angestaubt, aber das passt zu uns und unseren Moppeds. Nach dem Ölwechsel zeigen uns unsere Gastgeber erstmal die Sehenswürdigkeiten der Stadt. Zuerst geht es bei brütender Hitze ans Flussufer. Hier befindet sich abgesehen vom Badestrand und der namensgebenden Sole eine heilende heiße Schwefelquelle, die fast so gut riecht wie das Plumpsklo neben der Strandbar. Wir hatten eigentlich erwartet, hier einen Mittagssnack einzulegen, aber ohne lange Pause geht der Rundgang weiter. Über das halb verfallene Steinkohle Fernwärme Kraftwerk zum Sanatorium, in das wir zum Glück nicht eingelassen werden. Wir kommen mittlerweile auf dem Zahnfleisch daher und die Hitze setzt uns nach der Kälte der letzten Tage zusätzlich zu. Sibirien hatten wir uns nicht ganz so heiß vorgestellt. Am späten Nachmittag folgt dann der zweite Teil der Stadtführung. Da heute russischer Nationalfeiertag ist, ist im Zentrum ein kleines Volksfest aufgebaut und neben honorigen Rednern gibt es auch ein wenig Folklore. Zu essen finden wir hier leider immernoch nichts, da es für Suse nichts vegetarisches gibt und ich auch keine Lust auf mit Fleisch gefüllte, frittierte und zudem recht teure Teigtaschen habe.
Lange halten wir es dort aber nicht aus und als wir zurück im Clubhaus sind, folgt der gemütliche Teil des Abends als irgendwann die Wodkaflasche auf den Tisch kommt. Suse lehnt nach einem kleinen zum Probieren höflich ab, da wir ja morgen noch weiter müssen und so bleibt es an mir hängen gemeinsam mit den anderen beiden Jungs das Fläschchen zu leeren. Da die Russen aber wissen wie man trinkt, und nach jedem Gläschen erstmal ein Häppchen, bestehend aus Brot, Käse, fettiger Wurst, Gurke oder Tomate hinterher essen, nimmt das ganze kein schlimmes Ende. Weil sich die ganze Bande am nächsten Tag erst zum Mittagessen wieder im Clubhaus treffen will, wir aber eher los wollen, verrammeln wir das Tor, sperren hinter uns ab und geben den Schlüssen beim Produkti-Laden gegenüber ab und machen uns auf den Weg.

Der Baikal ruft und auf Olchon wollen wir noch einen oder zwei Ruhetage am Strand einlegen.

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