Jun 052018
 

Unglaublich aber wahr: mein Pass liegt tatsächlich in Jelgava bei der Post! Ich würd ja am liebsten laut jubelnd durch die Halle tanzen, aber mach das dann doch nur innerlich. Gleich noch den Zweitpass in nen Umschlag und ab damit gen Deutschland, damit mein Vater ihn dann in ein paar Wochen zur Beantragung des China Visums verschicken kann.

Endlich kann es weiter gehen. Nicht dass wir uns bei Marcis nicht wohl fühlen würden, aber noch länger wollen wir ihm und seiner Familie dann doch nicht auf den Sack gehen.

Als nächstes steht die russische Grenze an. Wir haben schon viel von ewiger Warterei und Durchsuchungen des Gepäcks gehört und haben entsprechend viel Lust auf die Prozedur. Marcis Kumpel hat uns empfohlen, ganz im Süden Estlands „rüber zu machen“, er hat dort auf dem Weg nach St. Petersburg gute Erfahrungen gemacht. Auf dem Weg zur Grenzstation ist kaum Verkehr und als wir dort ankommen, ist auf der EU Seite außer uns niemand. Das sieht doch schon mal gut aus. wir müssen trotz nicht vorhandener Schlange ein „prereservation queue“ Ticket (Wartenummer) kaufen und schon dürfen wir die EU nach einem kurzen Blick in unsere Pässe und Fahrzeugscheine verlassen. Auf russischer Seite stehen nicht ein einziger LKW und nur wenige Autos an. Trotzdem schlängeln wir uns – so wie es Marcis empfohlen hat – langsam an den Wartenden vorbei und tatsächlich: kein einziger meckert. Ganz vorne winkt uns der Grenzer gleich zu sich und heißt uns, den Einreise Wisch auszufüllen. Dann dürfen wir auch schon weiter zur eigentlichen Grenz- und Zollabwicklung. Obwohl nur wenige Autos hier stehen, zieht es sich nun doch ein wenig, aber es ist alles noch im Rahmen. Nach der Passkontrolle müssen wir noch ein paar Formulare – teils auf Englisch, teils sogar auf Deutsch – ausfüllen. Der Beamte tippt das ganze dann im Einfinger-Suchsystem in seinen Computer. Wir blockieren die hinter uns Wartenden, die ihre Formulare scheinbar schon vorausgefüllt hatten und langsam ungeduldig werden, aber irgendwann ist alles fertig und wir dürfen weiter 🙂
Das ganze hat alles in allem genau 2 Stunden und damit viel kürzer gedauert als befürchtet.

Zunächst ist verkehrstechnisch nicht viel los, als wir aber auf die Hauptstraße nach St. Petersburg treffen, wird das ganze doch gewöhnungsbedürftig. Die Auto- und LKW Fahrer halten es einfach nicht hinter einem anderen Fahrzeug aus, wenn sie auch überholen können. Aus den vorhandenen 2 Spuren werden schnell 4, wenn auf beiden Seiten grad jemand Lust zu überholen hat. Die Scheinwerfer meiner Hintermänner seh ich meistens nicht im Rückspiegel. Aber mit der Zeit wird das alles fast schon normal und ich erschreck mich nur noch manchmal, wenn der Überholer mich fast berührt, weil ja schließlich im Gegenverkehr grad ein LKW von einem anderen überholt wird und wir ja alle aneinander vorbei müssen… Aber ganz ehrlich: so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte, ist es wirklich nicht. Alle fahren anscheinend sehr aufmerksam, man wird auch mal reingelassen und niemand meckert, wenn man sich im Stau mit dem Mopped durch die Gassen drückt.

In Petersburg haben wir per Couchsurfing eine Unterkunft etwas außerhalb gefunden, dort treffen wir am Nachmittag ein und lernen unsere Gastgeberin kennen. N bissle verpeilt wirkt sie ja schon. Sie renoviert derzeit das   Einzimmerapartment ihres verstorbenen Großvater und wünscht sich auf der Baustelle wohl etwas Gesellschaft.
Nebenbei jobbt sie ein wenig um Geld für Essen zu verdienen, „als Mädchen braucht man in Russland kein Geld, wenn du einen Freund hast, bezahlt der für alles“. Nach 2 oder 3 Stunden beichtet sie uns, dass sie noch einen weiteren Couchsurfer eingeladen hat, weil sie sich so einsam fühlt… Als dieser dann auch eingetroffen ist, machen wir uns gegen elf auf den Weg in die Stadt, wir – Axel, der Couchsurfer Daniele und ich – würden gern noch 1 oder 2 Bier trinken gehen. Aber Emilia hat andere Pläne. Wir sind zwar in der Kneipenstraße ausm Taxi gestiegen, sie schleift uns aber durch die halbe Innenstadt in einen Club. Mein Gesichtsausdruck muss wohl Bände gesprochen haben. Nach einigem hin und her teilen wir uns auf – Daniele hat Mitleid mit ihr und geht mit ihr in einen Club, Axel und ich suchen uns ne Kneipe. Als ich gegen 3 zum rauchen auf die Straße geh, hauts mich fast um: es ist schon fast taghell. Man merkt halt doch, dass bald Sommer ist und wir ziemlich weit im Norden sind.

Als wir schließlich im Bett liegen, ist es fünf. Unser Stadt- Besichtigungstag beginnt daher nicht ganz so früh und erstmal mit einem Kaffee und Frühstück in der Stadt. Nachdem wir uns zwischen den ganzen Prachtbauten genügend die Füße platt gelaufen haben, treffen wir uns mit einem Mädel aus der Mongolei, die derzeit in Moskau wohnt, in Petersburg zu Besuch ist und uns über Couchsurfing angeschrieben hat. Sie erzählt uns so einige Do‘s und Dont‘s für die Mongolei während wir auf der Suche nach vegetarischem Essen weiter ins Zentrum vorstoßen. Dort treffen wir auch eine weitere Bekannte von ihr und so sitzen wir dann doch wieder recht lang und sind am nächsten Morgen entsprechend gerädert. Hilft aber nix, wir wollen ja mal weiter zu Dima, einem weiteren Kumpel von Moni, nach Moskau. Die große, gut ausgebaute Schnellstraße nach Süden ist viel befahren und schrecklich langweilig. Aber dafür kommen wir mal wieder gut voran und finden im Valday Nationalpark einen netten Picknickplatz am See, wo es auch noch ein Plätzchen für unser Zelt gibt. Schnell die Moskitonetze über den Kopf und Gift auf alle freiliegenden Hautpartien, wie üblich überfallen uns die Viecher sofort nach der Ankunft. Zum Glück verschwinden sie nach Sonnenuntergang recht schnell wieder (schade nur, dass die Sonne hier immernoch sehr spät und langsam untergeht). Die Warntafel vor den Zecken macht zwar ein ungutes Gefühl, wir suchen aber trotzdem etwas Holz für ein Lagerfeuerchen zusammen und lassen den Abend bei einem Bier gemütlich ausklingen.

  3 Antworten zu “Russland – wir kommen”

  1. Hallo Ihr Zwei Abwesenden!! Echt abenteuerlich liest sich euer Blog. Macht Spaß für mich hier daheim zu sitzen und mir vorzustellen, wo ihr gerade seid und wie es euch bei jedem Stop oder Go wohl ergeht.
    Ganz liebe Grüße,
    Miriam
    P.S.: Travel Blessings!

  2. Die Brummifahrer von der Pistenkuh beschreiben den Russischen Fahrstil recht treffend
    https://pistenkuh.de/reisen/asien/russland-mongolei/russische-fahrweise/

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