Aug 072018
 

Nachdem wir ja dank unerwartetem Teer einen Tag früher dran sind, als gedacht, beschließen wir, am Chjargas Nuur einen Strandtag einzulegen. Es ist zwar reichlich was los, aber dafür gibts ein kleines Lädle, bei dem wir uns mit dem nötigsten eindecken können, leider gibts dort nur warmes Bier. Es braucht zwar etwas Überzeugungsarbeit, aber schließlich haben wir den Ladenbesitzer soweit, dass er uns ein paar Bierflaschen in die Gefriertruhe legt, damit wir sie ein zwei Stunden später holen können. Außerdem wäre es deutlich an der Zeit, dass wir uns mal wieder ausgiebig putzen aber so schnell ist keine Dusche in Sicht. Leider macht uns das Wetter einen kleinen Strich durch die Rechnung: Den ganzen Tag weht ein frischer Wind und es regnet immer wieder. An Kochen ist kaum zu denken und unseren hin und wieder Benzinfontänen spuckenden Kocher wollen wir nicht in der Apsis betreiben. So liegen wir eigentlich den ganzen Tag im Zelt rum, erst nachmittags kann ich mich überwinden, in den See zu springen und mir endlich die Haare zu waschen. Jetzt frier ich zwar wie ein Hund, aber dafür juckt der Kopf nimmer so. In der Zwischenzeit haben wir eine Großfamilie als Nachbarn bekommen, Sonntagsausflügler aus dem 100km entfernten Ulangoom. Anscheinend sehen wir etwas hungrig aus, in einer Regenpause kommt die Mutti mit einem gut gefüllten Teller mit auf Feuer gekochtem Gulasch, Reis und Salaten vorbei. Also, nett sind die Leute hier wirklich. Wie oft würde das bei uns vorkommen, dass man Leuten, mit denen man kaum ein Wort sprechen kann, einfach Essen vorbeibringt? Das Fleisch lass ich dem Axel, am Rest ess ich mit.

Tags drauf zeigt sich, dass Axel und ich noch an unserer nonverbalen Kommunikation arbeiten sollten. Vom Strand wieder wegzukommen, ist nicht so einfach, wie draufzufahren. Die Spuren, denen Axel folgt, enden in einem ausgewaschenen „Canyon“, er winkt mir, meint damit „stehen bleiben“ und fährt außer Sicht. Ich versteh halt „jetzt komm schon“, fahr nach kurzem Zögern hinterher und steck dann auch bald fest. Beim (erfolgreichen) Versuch, mein Mopped wieder da raus zu manövrieren, verdreht sich Axel dann sein Handgelenk, scheißele. Trotz Kriegsverletzung und wieder einsetzendem Regen fahren wir aber erstmal los, weiter auf der Teerstraße. Wir haben den halben Abend darüber diskutiert, welchen der beiden möglichen Routen wir wohl nehmen sollten: die eher nördliche, wo wir erstmal noch ein Weilchen auf Teer bleiben können, die durch recht hohes Gebirge führt, was bei Regen oder vielleicht sogar Schnee dann aber wahrscheinlich wenig witzig ist? Von dieser Strecke haben wir eigentlich keine zuverlässigen Infos über Sand, Wasserdurchfahrten u.ä.. Oder doch die Strecke geradeaus nach Westen? Hier ist erst vor wenigen Tagen ein Fürther Laster durchgekommen den wir neulich an einer Tankstelle getroffen haben. Und Internet für eine Recherche haben wir an unserem Strandcamp leider keins.
In Naranbulag müssen wir uns dann für eine Variante entscheiden. Wir nehmen aufgrund der Einschätzung einer Facebookbekanntschaft, dass im Norden etwas mehr Sand zu erwarten ist, die direkte Strecke. Nachdem wir noch kurz einen Einheimischen befragen (der uns mit Handzeichen zu verstehen gibt, dass die Strecke zwar recht ordentliches Wellblech zu bieten hat, aber wirklich nach Ülgii geht), biegen wir von der Hauptstraße ab. Wir folgen den halbwegs gut erkennbaren Spuren im Boden und einer Stromleitung, nach kurzer Zeit weichen diese aber schon von der Strecke auf unseren GPS ab.

Andere Spuren haben wir aber nicht gesehen, und so glauben wir lieber den früheren Fahrern als der Karte auf dem GPS. Ich schätze, dass es hierzulande eh ziemlich schwierig ist, akkurates Kartenmaterial zu bekommen, da die allermeisten „Straßen“ nicht geplant und angelegt werden, sondern einfach von selbst entstehen, wenn die Einheimischen quer durch die Steppe fahren. Heute wollen wir es noch bis zu einem See bei Klein-Ölgii schaffen. Da es eigentlich ganz ordentlich läuft, sollte das machbar sein, auch wenn ich mich zwischendurch immer mal wieder anstell, wenn ich Sand seh. Im Ort können wir uns nochmal mit Essen und Bier eindecken und ziehen mit unseren Moppeds mal wieder viele Schaulustige an. Jeder will mal anfassen oder aufsteigen und einer schmeißt meins dabei schier um. Das gehört hier aber wohl einfach dazu, trotzdem gucken wir, dass wir weiterkommen. Wir haben kaltes Bier und so machen wir Feierabend, als wir am See ankommen. Bäume gibt es hier in der Halbwüste keine, aber wenigstens einige Büsche, deren Totholz auch für ein Lagerfeuerchen reichen sollte. Wir schaffen es noch zu kochen und zu essen, dann zieht eine Regenfront über uns, so dass wir das Holz leider nicht nutzen können. So ist es hier gerade fast jeden Tag: Tagsüber ist das Wetter ganz OK, aber gegen Nachmittag oder Abend regnet es fast immer. So hatte ich mir die Mongolei nicht vorgestellt und auch die Vegetation sieht eigentlich nicht nach einem täglichen Regenguss aus. Vielleicht zieht ja nur eine einzige große Wolke durchs Land, die immer genau über uns ist?

Durch einen größeren Ort kommen wir morgens noch durch, danach wird die Gegend immer menschenleerer und wüstenartiger. An diesem Tag treffen wir nur einen Franzosen, der gerade sein Pferd und Kamel auf dem einzigen Grasstück weit und breit grasen lässt. Bei ihm sind die Tagesziele etwas anders gesteckt als bei uns: Er schafft so um die 25km am Tag und sucht sich seine Übernachtungsplätze danach aus, ob es was zu fressen und zu trinken gibt. Heute hat er es aber schwer, zum nächsten Fluss sind es sicher noch 30km und er ist ja schon den halben Tag unterwegs.

Wir freuen uns, dass es über jenen Fluss dann tatsächlich eine Brücke gibt. Auch hier scheint es schon wieder geregnet zu haben, die Piste ist mit Pfützen durchsetzt und ab und zu ist sie eher ein kleiner Bach als eine Straße. In Khovd, einer kleinen Oase vor dem Achit Nuur, versorgen wir uns nochmal mit Essen und Bier, wir wollen an dem kleinen Bergsee übernachten. Keine 10 Minuten nach dem Ort biegen wir um eine Kurve und sehen eine riesige schwarze Wand vor uns. Aus den Wolkenbergen vor uns kommen riesige Wassermengen und der Randwind bläst uns fast von den Moppeds. Na, da wollen wir aber auf keinen Fall reinfahren. Hier übernachten wollen wir aber auch nicht. Wenn der Wind mal kurz nachlässt, fallen Wolken von kleinen Beißfliegen über uns her. Also stehen wir erstmal blöd in der Gegend rum und schauen was passiert. Nach einer knappen Stunde scheint das Gewitter seitlich weitergezogen zu sein und wir riskieren es. Auf dem nächsten Hügelkamm sehen wir, wozu so ein Regenguss fähig ist: Die komplette Bergflanke ist überspült worden und die Wege bestehen nur noch aus Sandschlamm und Querrillen.

Spaß macht das Fahren hier keinen mehr und so bleiben wir lieber hier oben, noch gute 10km vom See entfernt stehen und stellen unser Zelt an einer der wenigen nicht überschwemmten Stellen auf. Axel hat heute morgen das Buschholz, das wir gestern ja nicht mehr verbrennen konnten, auf sein Mopped geschnallt und auch unterwegs immer wieder Holzstücke aufgesammelt, die am Wegesrand herumlagen. So können wir jetzt wenigstens – nur noch durch einen fetteren Schauer unterbrochen – unser Feierabendbier am Lagerfeuer genießen.

Eigentlich hält Sand ja Wasser nicht so besonders gut, es muss aber soviel runtergehauen haben, dass auch am nächsten Tag die Piste immernoch schlammig ist. Wir eiern mehr schlecht als recht den Hang bis zum See hinunter und müssen öfters schauen, wo wir eigentlich hinmüssen, da sich die Piste nicht von sonstigen Bächen unterscheiden lässt. Glücklicherweise scheint das große Gewitter aber relativ lokal gewesen zu sein, nach einigen Kilometern wird es deutlich besser.
Nach dem See führen erstmal über 30 Fahrspuren parallel den Hügel hinauf und natürlich is immer die rechts oder links vieeeel besser als die, auf der man gerade selber dahinhoppelt. Hinter dem Buckel geht es dann in nur noch zwei Pisten bergab und auf einmal laufen die Wege kreuz und quer. Stur dem Navi folgend werden die Pisten in unsere Richtung immer kleiner und wir haben den Eindruck dass „unseren“ Weg seit Jahren niemand mehr gefahren ist.  Irgendwann folgt Axel einer kaum noch erkennbaren Piste durch Buschland, diese hat den Vorteil, dass sie so wenig benutzt wird, dass auch kein Wellblech entstehen kann.


Beinahe gelingt es uns, zwischen zwei Gewitterzellen durchzuschlüpfen – aber eben nur fast. 5 Minuten Regen reichen aus, um uns komplett zu durchnässen. Die Mongolei mag uns net. Dafür überrascht uns die Straße: Nach 3 Tagen selbstgeplätteten Pisten stehen wir plötzlich auf einer ordentlichen breiten Schotterstraße!


Leider ist wohl die letzte Generalüberholung schon etwas her, so dass sich extremes Wellblech breitgemacht hat. Axel kommt schnell auf die benötigte Geschwindigkeit, nur ich halte sie immer nicht so lange durch. Trotzdem schaffen wir die restlichen Kilometer bis Ölgii, wo wir die nächsten Tage ausspannen wollen, in Rekordzeit. Das ist auch gut so, die nächste Wolke hängt schon wieder drohend hinter uns. In Ölgii ist das BlueWolf Gercamp wohl recht beliebt bei Reisenden, allerdings sieht es wenig einladend aus. Am anderen Ende der Stadt hat das neue Gercamp AltaiPoint eröffnet, das schauen wir uns mal an. Es sieht auch gleich viel besser aus, also mieten wir uns dort ein. Dummerweise hat sich bei der Frage nach dem Preis ein Missverständnis eingeschlichen: Der Mitarbeiter hat uns nicht den Preis in Landeswährung genannt, sondern in Dollar. So sollen wir für unsere erste Nacht in Ölgii zusammen 70US$ zahlen und nicht 70.000 Tegreg (ca. 26 US$). Wenn wir aufs Frühstück verzichten, geht der Preis auf 25$ pro Nase runter, trotzdem ist uns das zu teuer, auch wenn das AltaiPoint schon viel zu bieten hat. Daher ziehen wir am nächsten Tag dann doch ins BlueWolf um, wo uns die Übernachtung im Ger zusammen „nur“ 20$ kostet. Ölgii als Stadt gefällt uns überhaupt nicht, aber wir brauchen eine Pause, müssen Wäsche waschen, Blog schreiben und 100 andere Kleinigkeiten erledigen. Nach 2 Tagen freuen wir uns aber, als wir die Stadt Richtung russischer Grenze und Altaigebirge verlassen können. In wenigen Tagen wäre Naadam gewesen, zum einen reizvoll, zum andern wollen wir hier nicht noch eine Woche bleiben und über die Feiertage wäre die Grenze geschlossen.

So richtig einfach hat es uns die Mongolei nicht gemacht, sie zu mögen. Als Vegetarier ist man hier ein exotisches Tier, Essen macht keinen Spaß. Der Wettergott war uns nicht gerade wohlgesonnen. Die Landschaft ist doch oft sehr karg, die Pisten zumindest für mich anstrengend. Aber sie hat auch ihre schönen Seiten: Die Leute sind überwiegend superfreundlich und sehr bemüht, uns Reisenden weiterzuhelfen, auch wenn wir uns nicht per Sprache verständigen können. Auch hier gibt es faszinierende Landschaften, man kann fast überall wild zelten und für die fahrerische Herausforderung kommt man ja schließlich hierher, oder?

  Eine Antwort zu “Mongolei – der wilde Westen”

  1. Hallole ihr zwei mutigen! Wir haben euch auf dem Aussichtspunkt bei Susamyr getroffen , Da seid ihr gerade zu dritt gewesen… wir waren mit schwarzen buslle unterwegs von unseren Bekannten. Seid ihr gut durch Tunnel gekommen? Hoffen euch geht es gut?! Jürgen und Elena aus dem Schwarzwald

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