Okt 172013
 

Froh dem Rummel entronnen zu sein fahren wir am nächsten Morgen ostwärts. Unser GPS spielt uns noch den ein oder anderen Streich aber irgendwie schaffen wir es trotzdem dem Großstadtgewirr der tschechischen Tourismus Metropole zu entkommen, allerdings nur um uns sofort zum nächsten Besucher-Magneten zu begeben. Unser nächstes Ziel ist Kuttenberg 80 km östlich von Prag. Kleine hübsche Straßen sind hier in Mittelböhmen Mangelware, aber allzuviel Verkehr ist auch nicht. Der ein oder andere Abstecher auf der Suche nach einem Mittagessen führt uns durch halb verfallene Dörfer mit Resten sozialistischem Charmes nur leider ohne die erhofften urigen Wirtshäuser. Kurz vor unserem Ziel entdecken wir dann doch noch ein Ausflugsrestaurant direkt an der Hauptstraße.  Bis Suse für ihr Motorrad endlich eine geeignete Stellfläche gefunden hat bin ich schon halb verhungert, aber helfen tu ich ihr bei ihren Rangierversuchen trotzdem nicht. Genügend Platz wäre eigentlich, aber sie schafft es trotzdem immer wieder ihr Mopped so hinzustellen, dass es partout nicht auf dem Seitenständer stehen bleiben will. Grund dafür ist zum einen ihre neue Tieferlegung und zum anderen ihr Austausch-Federbein, das etwas weicher als der Vorgänger zu sein scheint. Jetzt kommt sie zwar, besonders voll beladen, mit beiden Fersen bequem zum Boden, aber der bereits in Brasilien gekürzte Seitenständer ist nun wieder viel zu lang. Nach dem Park-Drama folgt dann auch gleich die nächste Herausforderung. Ein paar tschechische Wörter können wir zwar schon, aber von der Speisekarte verstehen wir kaum etwas. Auf Böhmische Knödel haben wir keine Lust mehr. „Kartoffeln“ als Beilage können wir noch identifizieren, aber ob es sich um Pommes, Salzkartoffeln, Kartoffelbrei oder Kartoffelpuffer handelt erfahren wir erst bei der Lieferung. Wir tippen also nur auf zwei Gerichte von der Tageskarte und hoffen auf landestypische Leckereien und sind dann doch etwas enttäuscht als wir Schnitzel mit Pommes und Essiggurke bekommen.
Nur wenige Kilometer weiter verpassen wir beinahe die kleine Abzweigung nach Sedlec. Genaue Koordinaten hab ich, dank stümperhafter Vorbereitung keine auf meinem GPS und so habe ich eine der zahlreichen Kirchen als Zielpunkt ausgewählt.  Wer uns Kulturbanausen kennt wird sich nun wundern. Wir und eine Kirche? Aber die Kostnice in Sedlec ist etwas außergewöhnliches. In der Gruft unterhalb der Friedhofskapelle befindet sich ein Beinhaus, ein heute seltenes Kuriosum. Die seit dem 15. Jahrhundert im Karner gesammelten Knochen von 40.000!  ehemaligen „Friedhofsbewohnern“ wurden im Sedlec-Ossatorium im 19. Jahrhundert zur architektonischen Ausgestaltung der Gruft genutzt und bilden immernoch eine groteske und bizarre Kulisse für zahlreiche Busreisende, die den Ausflug hierher als Tagestour in Prag buchen. Die Kapuzinergruft in Rom ist zwar mit ihren teilweise mit Mönchskutten bekleideten Skeletten noch etwas beeindruckender, aber die schiere Masse an gestapelten Knochen dürfte auch hier ihren Eindruck nicht verfehlen.

Kostnice in Kutna Hora Kuttenberg

Nachdem der Kultur Genüge getan ist, wird es wieder Zeit für Urlaub und nachdem unsere diesjährige Reise abgesehen von dem Ziel – Gieboldehausen – unter dem Motto Mittelgebirge steht, ist es Zeit die landschaftlich  langweilige Böhmisch Mährische Ebene zu verlassen. Auf unserer Haben Liste steht nach der Ersten Woche bereits die Schwäbische Alb, der Bregenzer-, der Bayrische und der Böhmerwald. Unser nächstes Ziel sind die Sudeten, von denen ich bislang garnicht wusste, dass es sich dabei auch um ein Gebirge handelt. Auf Kultur folgt so auch noch eine Portion Geografie. Wir verlassen Böhmen und kommen nach Schlesien, einen für mich abstrakten Landstrich den ich bis jetzt hauptsächlich mit dem Ende des 2. Weltkrieges in Verbindung gebracht hatten und bislang nicht wusste wo genau es eigentlich liegt.

Auto im Graben Endlich wieder auf kleineren Nebenstraßen fahren wir in nordöstlicher Richtung. Kaum Verkehr, zumindest für unsere Enduros gute und kurvige Straßen und die abwechslungsreiche Landschaft sorgen dafür, dass wir mal wieder vergessen Fotos zu machen. Nur einmal stoppen wir kurz und heben mit ein paar Einheimischen einen Kleinwagen aus dem Straßengraben, der beim Abbiegen die Kurve zu eng genommen hatte. Schnell, unkompliziert und ganz ohne ADAC – ob das in Deutschland auch klappen würde?

Die verstreut liegenden kleinen Dörfer, sanfte Hügel, Wälder, Wiesen und Felder bieten ideale Bedingungen um mal wieder wild zu zelten und so fahren wir noch bis kurz vor den Krkonošský Národní Park.  Da in den tschechischen Nationalparks das wilde Campieren streng verboten ist und in Gebirgen gute, respektive flache Stellen auf denen noch niemand wohnt eh schwierig zu finden sind suchen wir uns bereits etwas außerhalb des Parks ein Plätzchen für die Nacht. Wer mich kennt weiß, dass die Schlafplatzsuche mit mir nicht so einfach ist und Suse schon öfter viel Geduld beweisen musste, wenn ich ein ums andere Mal weiter und weiter gefahren bin und sie nur noch absteigen wollte, aber heute läuft es. Im Vorbeifahren entdecke ich am Ortsausgang  von Rudnik einen schmalen Feldweg. Wir kehren um und holpern zwischen Waldrand und Wiese ein schmales Tal entlang bis der Fahrweg aufhört und in eine überwucherte, tiefe schlammige Traktorspur übergeht.  wild Zelten Nachdem sich die beiden Spaziergänger mit ihrem Hund verzogen haben bauen wir unser neues, recht schmales Tunnelzelt direkt am Wegesrand auf. Besonders schön ist der Stellplatz nicht, aber die Lage zwischen Wald, Bach und Wiese gleicht das allemal aus. Bei letztem Tageslicht sammeln wir trockenes Holz, das noch vom letzten Hochwasser überall in den Bäumen hängt und lassen den Abend mit einem Lagerfeuer am Bachrand, der sich auch optimal zum Bier kühlen eignet, ausklingen.
Die Sonnenstrahlen die pünktlich zum Zeltabbau den Morgennebel durchdringen versprechen mehr als der Tag halten kann. Obwohl wir nur bis knapp Tausend Meter ins Riesengebirge hinauffahren nutzen wir den einzigen Fotostopp in erster Linie um uns wärmer anzuziehen. Es ist bewölkt und die Luft ist schneidend kalt, aber die Straßen sind gut ausgebaut und schlängeln sich fröhlich durch den dunklen Wald in die Höhe. Kaum auf der Passhöhe sind wir auch schon in Polen. Den geplanten Abzweig gleich nach der Grenze haben wir übersehen, aber auch die vermeintliche Hauptstraße ist nur knapp 3 Meter schmal und  macht mächtig Spaß. Wir sind mal wieder von Europa begeistert. In Südamerika hätten wir uns einen zwei Stunden Abstecher in ein anderes Land verkniffen, bei Wartezeiten von bis zu einem halben Tag an den Grenzen. In engen Kehren geht es steil durch dichten Wald und schnell haben wir das polnische Riesengebirgs-Vorland erreicht. Rechter Hand liegen zwischen grünen Wiesen vereinzelt kleine Seen und in der Ferne bilden bewaldete Hügel eine hübsche Kulisse, linker Hand liegt das steil aufragende Riesengebirge mit der Schneekoppe und vor uns dunkle Wolken. Völlig verpeilt bemerken wir erst an der ersten Tankstelle, dass wir hier mit unseren Tschechischen Kronen nicht weiterkommen, überall gibt es den Euro leider doch noch nicht. Mit unseren großen Tanks ist das aber kein echtes Problem und da die Spritpreise hier in Polen kaum günstiger als in Tschechien oder Deutschland sind, fahren wir kurzerhand weiter.  Kaum ist es Zeit fürs Mittagessen sind urplötzlich die gerade noch haufenweise vorhandenen Restaurants verschwunden. Die Straße hat uns in der Zwischenzeit zurück ins Gebirge geführt, die Ortschaften werden kleiner und seltener und so staunen wir nicht schlecht als wir  Szklarska Poręba erreichen. Hier tummeln sich zahlreiche Wochenendausflügler. Der durchdringende Gestank nach altem Frittierfett verdirbt uns den Hunger und die Irren Ivans die auf der Suche nach dem Rübezahl die Straßen unsicher machen sorgen für unsere eilige Flucht aus dieser kleinen „Touristen Metropole“.

Hrad Kost Strohballen
Nach einem kurzen Mittagessen im Glasmuseum von Vilemov bei dem wir außer den Bierkrügen des leckeren lokalen Biers kein einziges Glas angeschaut haben gelangen wir aus dem Riesengebirge ins Isergebirge. Die Berge gehen in Hügel über, Wälder weichen Wiesen, Heuballen sprießen wie Pilze auf den spätsommerlichen Hängen. Im Böhmischen Paradies, dem Cesky Raj finden wir immer noch kleinere Sträßchen, die uns vorbei an Burgen und Ruinen durch eine bizarre Sandsteinfelsenlandschaft führen. Bis zu unserem geplanten Tagesziel, der Pelene Doly, sind es noch knapp 50 km und so nehmen wir den direkten Weg. Als wir bei der Bikerhöhle ankommen, sind alle gerade am zusammenräumen und nur drei Chopperfahrer sitzen vor der Höhle vor ihren leeren Kaffeetassen. Hier, in dieser Biker Höhle wollten wir eigentlich übernachten, aber da gerade alles verrammelt wird, werfen wir nur einen kurzen Blick in das dunkle Labyrinth der angeblich auch mit dem Motorrad befahrbaren Höhle und ziehen weiter. Am heutigen Sonntag Abend ist jedenfalls nichts los, schade! Das hier aber auch ordentlich gefeiert werden kann, könnt ihr im Doksy-Blog nachlesen und auf der Webseite des dazugehörigen Motorradclubs findet sich sicher auch die ein oder andere Veranstaltung.
Wir tun uns aber auch diesmal nicht schwer einen zeltgeeigneten Waldrand zu finden und fahren am nächsten Morgen auf einer scheinbar recht beliebten Motorrad-Strecke noch ein wenig durch die Böhmische Schweiz bevor wir an der Elbe das verregnete Deutschland erreichen.

 

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