Jan 082019
 

Um Zeit und Sprit zu sparen hatten wir bereits im Vorfeld unserer Motorradreise die Idee, in Indien etwas zu schummeln und mit der Bahn abzukürzen, um nach den Bergen im Norden auch noch etwas Zeit für die Strände im Süden zu haben.
Wir hatten von ein paar anderen Motorrad-Reisenden gelesen, die das bereits gemacht hatten. Einfach die Motorräder für kleines Geld in den Gepäckwagen verladen und ein, zwei Tage später am anderen Ende des Landes weiterfahren.
Leider konnten wir, als es so weit war, nicht mehr alle Blogs zum Thema finden, und die die wir fanden hätten uns beinahe entmutigt. Scheinbar hatten wir ein paar Kleinigkeiten übersehen:
Aus Nepal hätten wir zwar Zugtickets für uns buchen können, aber ob die Motorräder dann auch Platz hätten, würden wir erst in Indien klären können.

Das nächste Problem war, herauszufinden von welchen Bahnhöfen überhaupt Züge zu unserm Wunschziel fahren.
Dann mussten wir feststellen, dass bereits einige Wochen im Voraus alle in Frage kommenden Verbindungen ausgebucht waren – zur Hauptsaison angeblich nicht unüblich. Es existieren zwar Wartelisten, aber wie die funktionieren haben wir nicht herausfinden können.
Über die Indian Railway app online buchen wäre auch gegangen, aber wieder nur für uns, nicht für die Motorräder, ABER, als Ausländer kann man sich nicht so einfach bei der Bahn registrieren. Da müsste man erstmal eine Passkopie irgendwohin mailen und sich für die App freischalten lassen. Und ohne Anmeldung kann man über die App nicht mal Verbindungen raussuchen.
Irgendwann hat Suse dann bei Trainspy in mühevoller Kleinarbeit eine für uns ideale Verbindung gefunden. Von Patna direkt nach Vasco da Gama in Goa. Obwohl der Zug nur einmal die Woche fährt und ausgebucht war, hatten wir noch eine Chance. Die  Foreign Quota. Ein Kontingent spezieller Touristen Tickets, die es an einigen größeren Bahnhöfen gibt. Allerdings nur direkt vor Ort. Als Plan B hätte es dann noch eine tägliche Verbindung nach Mumbai gegeben, zwar 600km von Goa entfernt, aber besser als die ganzen 2500km auf der Straße zurückzulegen.
Schön endlich wieder einen Plan zu haben.
Die Straßenverhältnisse in Nepal und Indien haben wir dann allerdings mal wieder völlig falsch eingeschätzt und kommen einen Tag später in Patna an als geplant und brauchen dann auch noch eine Ewigkeit bis wir ein Hotel mit Parkplatz finden, das auch Ausländer aufnimmt. Dann müssen halt 3 Tage für die Organisation vor Ort reichen. Wenigstens wohnen wir nahe am Bahnhof und können so gleich mal rübergehen und die Lage checken.


Schnell haben wir uns zum Touristen Schalter durchgefragt und und können tatsächlich die einzigen beiden verfügbaren Plätze ergattern. Theoretisch könnten wir sogar mit Kreditkarte zahlen, praktisch können aber auch 4 indische IT Experten das Lesegerät nicht bedienen und so ziehe ich halt los und stelle mich am völlig überlaufenen Geldautomaten an. Leider sind unsere Tickets nur 3. Klasse, aber besser als nichts. Blöderweise hat die Indische Bahn auch noch vor wenigen Wochen die Preise für diese Foreign Tourist Quota Tickets um 50% erhöht, aber immernoch besser als gar keine Tickets. Lieber wäre uns die 2. Klasse gewesen, da hätte ein „Abteil“ nur 4 und nicht 6 Klapp-Betten, und da hätten die regulären Tickets auch nicht mehr gekostet, aber wie bereits erwähnt, haben wir das mit der Warteliste zum einen nicht wirklich kapiert und zum anderen können wir ja nicht riskieren, dass die Moppeds dann ohne uns fahren.

Mit den Tickets können wir dann endlich zum Parcel Office.
Dort hatten wir uns bereits am Vortag erkundigt ob und wie das mit unseren Motorrädern funktionieren könnte. Wir hatten Glück und  haben einen freundlichen, hilfsbereiten und kompetenten Mitarbeiter erwischt.
Eigentlich würde man wohl eine Motorradversicherung brauchen und eigentlich wäre es auch nicht üblich, dass Gepäck an Motorrädern befestigt wäre. Und zudem könne er uns nicht zu 100% versprechen, dass im Gepäckwagen auch tatsächlich Platz für unsere Motorräder wäre, aber normalerweise würde das schon klappen.
Für den Transport müssen wir die Motorräder allerdings vorher hier „aufgeben“ und sie professionell verpacken lassen. Damit sind hier keine Transportpaletten oder Kisten gemeint, sondern es werden lediglich einige Säcke um die Moppeds und das Gepäck gewickelt, das so aber immerhin vor einem schnellen Zugriff geschützt ist. Außerdem müssen wir den Sprit ablassen, was wir lieber selber übernehmen, um noch eine „kleine Reserve“ zu haben und nicht am Zielbahnhof erst mal Benzin besorgen zu müssen.

Wir erkundigen uns noch, wann denn die Motorräder verladen werden, da wollen wir unbedingt zuschauen, um sicher zu gehen, dass sie auch mit uns im Zug sind. Der nächste würde immerhin erst eine Woche später gehen und ohne Moppeds würden wir natürlich auch nicht mitfahren.

Für die knapp 2500km lange Strecke von Patna nach Vasco da Gama zahlen wir für unsere Tickets 6300INR (ca 80€) und für den Motorradtransport 9400INR (ca 120€). An Sprit hätten wir ca 250€ verfahren und wären bei unserem Tempo mindestens 10 Tage unterwegs gewesen. Abgesehen davon komme ich so mit mit meinem Hinter-Reifen hoffentlich noch bis in die Türkei, wo Ersatz sicher einfacher und günstiger zu beschaffen ist als in Pakistan oder dem Iran.

Da jetzt alles unerwartet schnell geklappt hat sind wir etwas zu früh dran und verbringen die nächsten zwei Tage mit Teetrinken, Strände und Unterkünfte in Goa raussuchen und futtern in den schäbigen, aber sehr leckeren und unglaublich günstigen Bahnhofs Restaurants die Karte rauf und runter. Auf gutes Gelingen anstoßen können wir vorerst nur mit Orangensaft. Wir befinden uns in Gandhis Geburtsstaat, einem Dry-State, in dem Alkohol und andere Drogen verboten sind.

Am Abfahrtstag wollen wir natürlich nicht verpassen, wie unsere Motorräder in den Zug verladen werden. Die ersten zweimal sind wir zu früh dran, beim 3. Anlauf kommen wir dann gerade recht. Ruckzuck sind die schweren Kisten reingewuchtet und schon ist die Tür zum Frachtraum zu.  Obwohl wir die Verladung bereits im Vorfeld bezahlt haben wollen die 4  Packer noch ein kleines Trinkgeld, aber das haben sie sich auch verdient. Ein weiteres bereitstehendes Mopped hat keinen Platz mehr und wird, so hoffen wir für den Besitzer, zu einem anderen Frachtwaggon geschoben. Wir sind verdutzt wie schnell alles ging, hatten wir doch völlig überladene Frachträume befürchtet, wo dann noch Kisten und Säcke auf und um die Motorräder gestapelt werden. So  fragen wir uns, ob es nicht doch besser gewesen wäre die Tanks ganz leer laufen zu lassen. Verzurrt wurde da nix – die DRs stehen einfach quer zur Fahrtrichtung im Fracht-Abteil mit reichlich Platz daneben! Bis wir das allerdings realisiert haben können wir auch nichts mehr ändern, wir müssen jetzt erstmal unser Abteil finden.

Bis wir dann einsteigen dürfen dauert es dann doch noch etwas etwas. Die aufkommenden Sorgen versuche ich zu zerstreuen, was soll den Moppeds schon passieren? Das sind ja robuste Enduros, die es gewöhnt sind umzufallen und die Spiegel haben wir ja vorsorglich abgeschraubt!
Ohne großes Gerangel oder Gedränge finden wir schnell unsere Plätze. In Fahrtrichtung und am Fenster, aber leider das untere und mittlere Bett, welches tagsüber immer hochgeklappt werden muss, damit alle Passagiere sitzen können. Im oberen Bett könnte man sich jederzeit hinlegen und wäre „außer Sicht“. Wir haben gerade unsre kleinen Handgepäck-Rucksäcke unter den Sitzen verstaut und schaun uns nach einem sicheren Plätzchen für die Helme um als unsere Mitreisenden auftauchen.
Zuerst ein junger Kerl, der gleich seine Kopfhörer auspackt und es sich auf einem oberen Bett bequem macht. Kurz danach dann eine „Großfamilie“. Plötzlich ist es rappelvoll. Einige Träger bringen haufenweise Koffer, Taschen und sogar noch ein paar Säcke Reis. Während das Familienoberhaupt vergeblich versucht die „LKW Ladung“ unter den Sitzen zu verstauen und beginnt alles um uns herum aufzustapeln, wird nebenbei noch die Verabschiedung von der Verwandtschaft zelebriert und ein Geburtstag gefeiert. Dabei kommen wir natürlich auch nicht zu kurz, wie in Indien üblich werden alle Umstehenden vom Geburtstagskind mit dem Geburtstagskuchen gefüttert. Ich schaffe es gerade noch nur ein wenig abzubeißen, Suse bekommt dafür schwungvoll das ganze Stück in den Mund geschoben.
Im Anschluss daran versuche ich noch den Vater beim Gepäck-Tetris zu unterstützen, aber der Vorschlag, ein zwei Sachen aus dem großen Koffer zu räumen, damit er nicht nur zur Hälfte unter den Sitz passt wird von seiner mürrisch dreinblickenden Frau zurückgewiesen. Für eine 42 stündige Zugfahrt hatte ich mir eigentlich ein wenig mehr Beinfreiheit erhofft. Mehr als ein Din A4 Blatt hab ich grad nicht für meine Füße und so trete ich den Koffer halt so nach und nach doch noch gewaltsam unter den Sitz – mir doch egal, wie sie ihn da jemals wieder rausbekommen.  Kurz nach Abfahrt, die nächste Überraschung. Aus dem Nachbarabteil gesellt sich noch eine junge Frau zu uns. Vermutlich das Kindermädchen unserer Kleinfamilie. Also sitzen wir jetzt zu siebt im sechser Abteil und knuspern alle gemeinsam den selbstgemachten Knabbermix, der aus einem unerschöpflichen Plastiksack als Reiseproviant mitgeführt und großzügig verteilt wird. Unser Tisch ist mittlerweile von einem 5 Liter Wasserfass belegt und bewegen können wir uns zu diesem Zeitpunkt schon längst nicht mehr, zumindest mein Helm neben mir verschafft mir ein klein wenig Abstand.
Das vielleicht 8 Jährige Töchterchen beginnt jetzt auch noch quengelig zu werden, also wird für „Prinzesschen“, so wie wir sie mittlerweile nennen, das mittlere Bett auf einer Seite herunter geklappt, damit sie zufrieden ist. Also jetzt 5 Leute auf unseren 3 Plätzen. Die Mutter krümmt sich irgendwie unter der Pritsche und wirkt immernoch nicht viel zufriedener. Auch das Kindermädchen scheint uns erhalten zu bleiben. Scheinbar hat sie gar keinen eigenen Platz im Nachbarabteil und teilt sich nachts dann das Bett mit der mürrischen Mutti. Aber Hauptsach‘ Prinzesschen ist glücklich! So schlimm wie das jetzt vielleicht klingt war es dann aber doch nicht, im großen und ganzen waren sogar alle recht nett und zum Abschluss haben wir sogar noch Telefonnummern ausgetauscht – falls wir Probleme hätten sollten wir uns doch melden.


Da wir nicht wussten wie es um die Essensversorgung stehen würde hatten wir einige Kekse und etwas Obst und Wasser eingepackt. An den kurzen Stationsaufenthalten kamen auch weit weniger Snackverkäufer als erwartet. Da wir nie länger als ein paar Minute Aufenthalt hatten konnten wir auch nicht schnell mal raus und was holen, selbst für Suse war es nicht immer ganz einfach schnell eine zu rauchen. Aber verhungern mussten wir dann doch nicht. Gerade Recht zum Abendessen kamen dann einige Verkäufer durch, die Essensbestellungen aufgenommen haben die dann auch tatsächlich an der nächsten Station an unsere Plätze gebracht wurden. Nur leider war das  gelieferte Thali so wenig schmackhaft, dass wir den nächsten Tag auf eine weitere Bestellung verzichtet und uns – abgesehen von Samosas  und Milktea zum Frühstück – mit Wasser und Keksen begnügen.
Die Diät ist vielleicht keine so schlechte Idee, bei dem Gewackel im Zug ist der Klobesuch eine etwas abenteuerliche Angelegenheit und muss nicht öfter als unbedingt nötig wiederholt werden. Immer wieder machen wir uns Sorgen, wie es wohl unseren Moppeds bei dem Geruckel und Geholper ergeht, so völlig freistehend nur auf dem Seitenständer…

Auch wenn es sich natürlich zieht, geht auch die längste Zugfahrt irgendwann zu Ende und so sind wir nach der zweiten Nacht beinahe überrascht, als wir eine halbe Stunde vor der Zeit nur noch eine Station von unserem Ziel entfernt sind.  Da kann sich die Deutsche Bahn mal ne Scheibe von abschneiden. Nach 2500km und 42 Stunden pünktlich ankommen! Damit wir nicht zu früh sind wartet der Zug natürlich am vorletzten Stopp eine halbe Stunde bis er dann am Meer entlang weiter nach Vasco da Gama zuckelt, wo unser erster Weg natürlich zum Gepäckwagen führt.
Die Türen sind bereits geöffnet und ein paar Träger warten nur darauf, dass wir ihnen ein paar Rupies fürs Ausladen zusagen, bevor sie die Moppeds heraus-hieven und zum Ausgang schieben. Warum die Motorräder noch völlig unbeschädigt sind und vor allem warum sie noch stehen ist uns zwar ein Rätsel, aber beschweren wollen wir uns darüber auch nicht.
Also schnell die Spiegel wieder drangeschraubt und die Zielkoordinaten eingegeben.
Urlaub wir kommen!

Insgesamt war die Zugfahrt bei weitem nicht so schlimm und kompliziert wie wir befürchtet hatten und wir würden das auch wieder machen


Hilfreiche Seiten und App:

ein grober Überblick wo überhaupt Zuglinien verlaufen könnten gibt es auf dieser Karte

Goibibo eignet sich nicht nur zum Hotels buchen in Indien sondern auch zum Zugverbindungen suchen, bzw dazu um nach freien Plätzen zu schaun wenn man eine Verbindung hat. Wichtig hier: man muss selber schon wissen, an welchen Tagen die gesuchte Verbindung fährt, sonst kommt nur eine Fehlermeldung. Die Verbindungen mit Tagesangaben findet man auch auf Trainspy, s.u.

Bei der indischen Bahn kann man ebenfalls nach freien Plätzen suchen

Auch mit Trainspy kann man nach Zügen suchen, dort gibt es z.B. auch Übersichten, welcher Bahnhof welches Kürzel hat, was bei anderen Suchen hilfreich sein kann. Auch die korrekten Zugnummern gibt es hier, die man z.B. bei weiteren Suchen auf der Indian Railways Seite benötigt.

Indian Rail von indiatravel.apps
Man sieht unterwegs zb wieviel Verspätung man hat und wo und wann der Zug als nächstes hält

  Eine Antwort zu “Zugfahren in Indien”

  1. Ois Guade oide Wuaschtsemme!

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