Mrz 172019
 

Auf diesen Teil freuen wir uns schon seit Wochen – ach was, seit Monaten! In der Provinz Belutschistan in Pakistan tummelt sich wohl allerlei kriminelles oder extremistisches Gesindel (so heißt es zumindest), so dass es Ausländern verboten ist, auf eigene Faust durch dieses Gebiet zu reisen. Stattdessen „darf“ man sich nur mit Eskorte, d.h. mit Begleitung der hiesigen Polizei, auf den Weg machen. Aber immerhin, es könnte ja auch ganz verboten sein.

Ersteinmal wollen wir aber kurz vor der „Grenze“ noch übernachten, bevor es mit Eskorte nach Quetta, der Hauptstadt Belutschistans, geht. In Jacobabad verursachen wir gleich mal einen riesigen Menschenauflauf, als wir am Straßenrand halten. Wir wollen eigentlich nur kurz Aufkleber für unsere Moppeds kaufen, die Deko der hiesigen LKWs hat uns so gut gefallen, dass wir auch unsere Kisten ein bisschen mit Blümchen, Vögeln oder einfach nur netten Mustern aufhübschen wollen. Allerdings sind wir und/oder unsere Moppeds hier wohl so ungewöhnlich, dass alle Passanten erstmal stehen bleiben müssen. Und auch hier ist es ein Naturgesetz: Wenn erst einmal ein paar Leute um etwas drum rum stehen und gucken, werden auch weiter entfernte Beobachter neugierig und drängen näher… Nach ein paar Minuten wird es mir echt unangenehm, weil auch niemand was sagt, es stehen inzwischen bestimmt 50 Männer einfach nur da und glotzen; wie in Pakistan üblich, ist keine einzige Frau in der Menge (außer mir natürlich). Als irgendwann die Polizei auf uns aufmerksam wird und nach unserer „Security“ fragt, bin ich froh, als Axel kurz darauf fertig eingekauft hat und wir die letzten paar 100 Meter zum Hotel fahren. Nach der dringend notwendigen Dusche sind wir bereit und wollen den letzten freien Abend nutzen und noch etwas Proviant und evtl. ein Iran-taugliches Kleidungsstück für mich zu kaufen. Tja, ganz so frei ist der Abend aber auch wieder nicht. Das Hotel dürfen wir tatsächlich auch schon nur mit Security verlassen, was uns erst gar nicht so recht ist. Gehts noch auffälliger als mit bewaffneter Begleitung? Allerdings wissen wir die Ortskenntnis unseres Begleiters dann doch zu schätzen, den hiesigen Bazar hätten wir allein schon gar nicht gefunden, geschweige denn den Klamottenbereich. Schon leicht skurril die Situation (mit Begleitschutz Kleidchen shoppen gehn, bin doch nicht Paris Hilton), aber nett und zuvorkommend ist der Sicherheitsmann wirklich. Ob wir seinen Schutz jetzt wirklich gebraucht haben, sei mal dahin gestellt.

Am nächsten Morgen brauchen wir auch nur an der Hotelrezeption Bescheid sagen, dass wir abfahrbereit sind. Nur ein paar Minuten später steht unser erstes Begleitfahrzeug am Tor und es kann losgehen. Die Zuständigkeiten innerhalb der Stadt scheinen sich immer nur auf 2 – 3 Häuserblocks zu begrenzen, jedenfalls werden wir per fliegendem Wechsel x-Mal weiter gereicht. Das klappt doch schonmal hervorragend, hatten auch schon von anderen Reisenden gehört, dass sie bei jeder Ablöse warten mussten.

Mit etwas größeren Streckenabschnitten geht es dann fast den ganzen Tag so weiter. Nur einmal fährt erst unsere Eskorte im Schneckentempo vor uns her, dann müssen wir am Übergabepunkt ein paar Minuten stehen bleiben. Der Grund dafür: Steven und Kathleen, die wir schon in Multan auf der Motorshow getroffen hatten, holen uns gerade ein und sind per Funk angekündigt worden. Mal etwas zu langsam, mal zügig geht es erst durchs Flachland, dann immer weiter hoch in die recht hübschen Berge. Nur – anhalten trauen wir uns nicht so recht. Nicht weil es gefährlich sein könnte, sondern weil wir den „Levies“ – wie die für die Eskorten zuständigen Quasi-Polizisten heißen – nicht auf den Sack gehen wollen und weil wir noch ein ganzschönes Stück Strecke vor uns haben. Auch zum Essen kommen wir dank fehlender Wartezeiten nicht, erst als die Temperaturen immer weiter fallen, halten wir an, um unsere restlichen Westen und Pullis anzuziehen. Und siehe da: „Unser“ Pickup kommt zwar ganz schnell wieder zurück, als die Besatzung merkt, dass wir fehlen, aber keiner reißt uns den Kopf ab. Trotzdem wollen auch wir zügig weiter, in die Nacht wollen wir schließlich nicht kommen und nach Quetta ists noch weit. Kurz vor dem Ziel erwischen uns die schon länger drohenden Schneewolken doch noch, frierend und mit Eisfüßen erreichen wir den Stadtrand. Dort erwartet uns ein Gefährt, das ich eher bei Reportagen aus einem Kriegsgebiet erwarten würde, das hinterlässt dann doch ein etwas mulmiges Gefühl.


 
Wie schon erwartet – und befürchtet – haben wir zwecks Hotel eigentlich keine Wahl. R ein theoretisch könnten wir versuchen, im Polizeihauptquartier zu zelten, allerdings sprechen Wetter und Temperatur deutlich dagegen, außerdem haben wir nichts zu kochen dabei. Trotz ausführlicher Recherche scheint es nur 2 Hotels in der Stadt zu geben, wohin die Eskorte einen bringt: Das teure und beschissene Bloomstar oder eine zwar bessere aber noch viel teurere Alternative. Tja, dann halt das Bloomstar, wo fast alle absteigen. Steven und Kathleen wollen sich das Geld aber lieber sparen und können sich mit ihrem Auto tatsächlich in der Polizeistation einquartieren. Unser Hotel ist erwartungsgemäß (alt, dreckig, kalt und außer uns leer), das Essen das schlechteste, das wir in Pakistan bekommen haben, aber wenigstens haben wir eine kleine Gasheizung im Zimmer, an der wir unsere Füße auftauen können. Verlassen dürfen wir das Hotel ohne Eskorte – auch zu Fuß – nicht mehr.
In Quetta muss man sich im Home Department eine Genehmigung für die Durchquerung Belutschistans ausstellen lassen, was das Ganze soll, wissen wir aber nicht. Dieses so genannte NOC gilt normalerweise erst einen Tag nach Ausstellung, was einem dann eine weitere tolle Nacht in dieser Stadt beschert. Steven und Kathleen gehen am nächsten Morgen aber recht rabiat – um nicht zu sagen unverschämt – an die Sache ran. Wie die beiden mit den Beamten umgehen ist uns schon ziemlich peinlich – die müssen ja schließlich glauben, dass wir zusammengehören – aber letztendlich haben sie Erfolg: Obwohl der Chef, zu dem wir nach 2 Stunden vorgelassen werden, meint, sie brauchen den Extra Tag eigentlich, um die Eskorte vorzubereiten, bekommen wir das NOC noch auf den gleichen Tag ausgestellt. Nachdem wir also im Hotel noch hektisch gepackt haben, düsen wir gegen 14 Uhr wieder mit dem Panzerwagen aus der Stadt. Wir haben zwar nur noch knapp 4 Stunden Tageslicht, aber ein gutes Stück der etwa 600km bis zur Grenze zum Iran werden wir wohl noch hinter uns bringen.

Die Straße ist gut und fast leer, die Landschaft meistens langweilig, die Levies haben durchgehend nen Bleifuß, nur die Checkposts nerven ein wenig, da sie doch immer 10 – 15 Minuten aufhalten, bis alle Pässe kontrolliert oder die Kennzeichen notiert sind. Die Wachablösungen funktionieren aber weiterhin wie am Schnürchen, wir kommen tatsächlich an diesem Nachmittag noch gut 200km weit, bevor sich die Sonne langsam verabschiedet. In Lahore hatte uns ein Kumpel von Atif noch ein paar wichtige Sätze auf Urdu aufgeschrieben, was uns jetzt zugute kommt: So machen wir trotz fehlender Englischkenntnisse mit unseren Begleitern aus, dass wir an der nächsten Levi-Wachstation übernachten können. Dort steht dann sogar ein kleines Häuschen, in dem auch die Polizisten, die gerade frei haben, schlafen. Bei einem Schichtwechsel alle 6 Stunden lohnt sich der Heimweg für sie nicht. Gut für uns, so müssen wir unser Zelt nicht aufbauen. Steven und Kathleen geben eine Runde Instant-Nudelsuppe aus, damit wir nach unserem spärlichen Frühstück heute Morgen wenigstens noch ein bisschen was zwischen die Zähne kriegen. Axel hält sich allerdings zurück, er hat sich am Hotelessen gestern den Magen verdorben. Von unseren Gastgebern bekommen wir noch eine Runde Tee serviert, bevor wir uns dann recht früh auf unsere Matten verziehen.

In der Nacht ist es dann richtig kalt geworden, im ersten Sonnenlicht glitzert die Eisschicht auf den Sitzbänken. Es zieht sich mal wieder, doch bis alle bereit sind und es dann losgehen soll, streikt Axels Mopped. Sein Chokezug ist schon in Nepal gerissen, bei den angenehmen Temperaturen bisher gab es aber keinen Anlass, da was zu tüddeln. Jetzt jedoch wäre der Choke dringend nötig. Nach allem Orgeln, was die Batterie hergibt, hilft nur noch anschieben, wobei Steven zum Glück tatkräftig mit anpackt. Nach einigen Versuchen springt das Mopped endlich an, puh! – soviel Sport hab ich in den letzten 9 Monaten nicht getrieben.

Unsere Levies sind weiterhin immer gut gelaunt, drehen teilweise Videos von der Ladefläche ihrer Pickups runter und versuchen sich mit den gesammelten Englischkenntnissen an ein bisschen Smalltalk, wenn wir mal wieder an einem Checkpost anhalten müssen. Die Posten drehen heute das Nervpotential nochmal deutlich nach oben. Teilweise in einem Abstand von nur wenigen Kilometern und insgesamt gefühlt 30 Mal müssen wir anhalten und irgendwelchen Blödsinn ausfüllen und zwar jedes Mal anderen Blödsinn. Nur die bescheuerten NOCs will niemand sehen. Irgendwie ist das ganze nicht zu Ende gedacht.
Am frühen Nachmittag dreht der Wind auf und zeigt mal, was er hier in der Wüste so kann. Die mit Sand gesättigten Seitenwindböen versuchen immer wieder, uns von der Straße zu wehen. Zwischen unseren Zähnen knirscht es und später werden wir noch tief in unseren bislang dichten Kisten Sand finden. Das Fahren ist zwar anstrengend, anhalten aufgrund des Seitenwinds aber dafür extrem schwierig, absteigen geht gar nicht mehr, der Wind würde die Moppeds einfach umschmeißen. Selbst die Typen an den Checkposten begreifen das zum Glück irgendwann und lassen uns weiterfahren. Zum Glück lässt der Spuk irgendwann nach und wir können die letzten Kilometer bis zur Grenze in Taftan bei inzwischen recht angenehmen Temperaturen und Sonnenschein abwickeln. Im Ort werden wir an der Levi-Station abgeliefert und dann sofort noch zum Zollamt eskortiert. Die Grenze selbst hat zwar schon geschlossen, aber wenigstens die Carnets können wir heute Abend noch abstempeln lassen. Na, das ist doch mal vorbildlich mitgedacht und super Service! Auch heute können wir wieder für umme an der Levistation übernachten, Axel und ich kriegen das Büro vom Chef (?), auf Nachfrage bringt uns sogar einer der Angestellten was zu Essen vom Bazar mit.

Fazit: Dass man Belutschistan nur mit Eskorte durchqueren darf, ist ärgerlich und für uns nicht wirklich nachvollziehbar. Gefährlich hat der Landstrich auf uns nicht gerade gewirkt (Quetta mal ausgenommen, da wars merkwüdig), außerdem zieht man mit einer bewaffneten Eskorte ja gerade Aufmerksamkeit auf sich. Die Bürokratie dafür nervt auch, v.a. die Ausfüllerei an jedem Checkpost, wo sie sich auch einfach mal das NOC angucken könnten. Das Hotel in Quetta war die einzige Gelegenheit in Pakistan, wo wir uns so richtig über den Tisch gezogen gefühlt haben, manche bösen Geister behaupten, dass die Hotelbesitzer den Polizeieskorten Provision zahlen, damit alle Reisenden zu ihnen gebracht werden.
Ansonsten aber: alles halb so schlimm! Die Levies sind super nett und meistens gut gelaunt. Wenn man fragt, kann man Pause machen, was zu essen kriegen, die Fahrt für die Nacht unterbrechen usw und vielleicht dienen die ganzen Maßnahmen ja tatsächlich dem Schutz von uns Reisenden.

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